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„Die Wissenschaft ist eine Religion ohne Erlösung.“

Updated: Sep 18, 2021


Jan David Zimmermann im Gespräch mit dem Soziolinguisten Manfred Glauninger



Anmerkung: Aufgrund beruflicher und freundschaftlicher Verbundenheit sind die Interviewpartner miteinander per Du.


JDZ: Manfred Glauninger, als Soziolinguist bist du den Medien in Österreich vor allem im Hinblick auf Fragen um Sprachwissenschaft und Dialektforschung bekannt und wirst hauptsächlich zu solchen Themen befragt. Gleichzeitig hast du neben Linguistik aber auch Geschichte und Philosophie studiert, kennst die soziologischen Klassiker, von Norbert Elias über Luhmann bis hin zu Bourdieu und beschäftigst dich in deinen Aufsätzen immer wieder mit der kritischen Reflexion über die (Sprach-)Wissenschaft. Das Bild des Wissenschaftlers hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten vom umfassend gebildeten Intellektuellen hin zum fachlich eng umgrenzten Experten gewandelt. Was hältst du von diesem Bild des Forschenden?

MG: Ein breites, über den unmittelbar fachlichen Tellerrand hinausreichendes Spektrum ist sicher von Vorteil und wünschenswert. Als entscheidend erachte ich die Selbstreflexion – gerade im Wissenschaftsbereich, d. h. für „Berufsintellektuelle“. Die Frage ist: Wie, unter welchen Voraussetzungen und in welchen Zusammenhängen, wird das wissenschaftliche Wissen produziert und was bedeutet das für einen ganz persönlich? Ich vermute, diese – letztlich im eigentlichen Sinn philosophische – Dimension der Suche nach Erkenntnis als Suche nach sich selbst war auch in der Vergangenheit eher schwach ausgeprägt.


JDZ: Wir sprechen im Hinblick auf die „Berufsintellektuellen“ oft auch über den Zusammenhang von Wissenschaft und Politik und deren gegenseitige Abhängigkeiten. Was sind diesbezüglich deine Einschätzungen der letzten 1,5 Jahre? Sind wir in einer politischen und wissenschaftlichen Vertrauenskrise? Und wenn ja – wie kommen wir da wieder heraus?


MG: Die politischen, wissenschaftlichen und medialen Eliten, letztlich die Entscheidungsträger auf allen gesellschaftlichen Ebenen (z. B. auch in vielen Betrieben) haben in der Corona-Krise versagt. Auf den Punkt gebracht: Sie haben einen schlechten Job gemacht. Und weil sie letztlich einzig und allein dadurch legitimiert sind, vor allem in Krisen richtige Entscheidungen zu treffen (wozu sonst braucht man Eliten und Entscheidungsträger?), ist das Vertrauen in sie – so es überhaupt jemals da war – zutiefst erschüttert worden. Das beste Beispiel dafür ist das Impf-Dilemma. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin geimpft und bin unter Abwägung der Pro- und Contra-Argumente überzeugt davon, dass dies die richtige Entscheidung für mich war. Aber abseits davon: Wir sehen, dass seit Monaten die politischen und wissenschaftlichen Eliten Tag und Nacht, über sämtliche medialen Kanäle und mit allen Mitteln, ihr Impfnarrativ propagieren – und dennoch will sich ein Drittel der Bevölkerung nicht impfen lassen. Das ist ein mehr als deutliches Zeichen für das Versagen der Eliten, für ihre Unfähigkeit und Unglaubwürdigkeit. Ein Drittel der Bevölkerung glaubt bzw. vertraut ihnen offenbar nicht – oder vertritt eine „Jetzt erst recht nicht“-Haltung. Natürlich ist das nicht zuletzt eine unmittelbare Folge des oben angesprochenen Versagens im Verlauf der Pandemie. Man denke, allein was die Impfung anbelangt, an die verbockte Impfstoff-Beschaffung, die einseitige „Aufklärung“ über die Impfstoffe und ihre Wirksamkeit, die dilettantische organisatorische Umsetzung der Impfung, die Feigheit, eine Impfpflicht unmissverständlich zu vertreten und stattdessen durch ein permanentes diskursives Herumeiern sozusagen herbeizureden (weil man Angst hat, bei Wahlen abgestraft zu werden) und vieles mehr.

JDZ: In diesen Einschätzungen steckt – wenn man sie auf die wissenschaftlichen Akteure und nicht auf die politischen Entscheidungsträger anwendet – auch ein wenig die von dir vertretene These, dass die Wissenschaft sich zwar in den letzten Jahrhunderten als Teil der Aufklärung verstand, daran anschließend jedoch selbst keinen Aufklärungsprozess durchgemacht hat. Kannst du das näher erläutern?


MG: Unsere heutige Wissenschaft und der Prozess, den wir Aufklärung nennen, sind untrennbar wechselwirkend miteinander verbunden. Dabei hat die Wissenschaft in den „aufgeklärten“ Teilen der Welt die Religion als wichtigste Instanz, als Autorität in Bezug auch auf „letzte Fragen“, abgelöst. Das meine ich vorderhand gar nicht so sehr im spirituellen Sinn, sondern eher praktisch-moralisch. Um bei der Impfung zu bleiben: Warum glaubt – zumindest – ein Drittel der Bevölkerung den namhaftesten wissenschaftlichen Experten nicht? Die Wissenschaft ist – sozial bzw. institutionell – eine Art Kirche, mit allen entsprechenden Problemen und Doppelbödigkeiten. Man kann das beispielsweise an den streng hierarchischen Strukturen des Wissenschaftsbetriebes erkennen oder am bizarren „priesterlich“-asketischen, von emotionalen „Hinfälligkeiten“ unbeeinflussten Habitus, der den Wissenschaftlern nach wie vor zugeschrieben (und von vielen derselben auch, bezeichnenderweise zumindest nach außen, repräsentiert) wird. Oftmals erinnert der heutige Wissenschaftsbetrieb an die katholische Kirche vor den Erschütterungen der Reformation und dann der Aufklärung. Dabei geht es aber auch um den oben kurz angesprochenen spirituellen Kern einer Religion. Die Wissenschaft hat diesbezüglich ein grundlegendes Dilemma: Sie ist eine Religion ohne Erlösung. Sie hat nur Zweifel anzubieten. Statt einer Antwort auf die letzte Frage (im Sinne einer – unbeweisbaren, aber den Leidensdruck lindernden – Zusage „Nach dem Tod wird alles gut“) werden immer nur neue Fragen aufgeworfen.

JDZ: Gegenwärtig hat man aber doch den Eindruck, dass von Wissenschaft verlangt wird, eben eine solche Erlösung liefern zu können. Ist dies die Falle, in die wir als Gesellschaft tappen, wenn wir die Wissenschaft zu einer Religion machen und kommt hier die Selbstaufklärung der Wissenschaft(en) ins Spiel? Wenn ja, wie sähe eine solche Selbst-Aufklärung konkret aus?


MG: Eine entsprechende Aufklärung der Wissenschaft müsste nicht nur bedeuten, dass diese sich institutionell reformiert, sondern auch die gesellschaftliche Tragweite dessen erkennt, dass sie spirituell, sinnstiftend als Erlösungslehre, nichts anzubieten hat. Das erfordert eine Entmystifizierung des wissenschaftlichen Wissens. Letzteres ist – wie jedwedes Wissen – nicht mehr als eine Konvention, kollektivistisch erzeugt und z. B. erheblich stärker von Privilegien und Vorstellungen bestimmter sozioökonomischer Gruppen geprägt als von genialen individuellen Geistesblitzen. Wissenschaftliches Wissen ist selbstverständlich nie „wertfrei“, sondern per se ideologisch. Es hat nichts mit „Wahrheit“ zu tun, kann aber zweifelsohne (vielleicht gerade deshalb) sehr nützlich sein.


JDZ: Jetzt muss ich doch wieder auf die sprachliche Ebene kommen. Welche sprachlichen Phänomene konntest du seit Beginn der Corona-Krise beobachten? Wie reagiert eine Gesellschaft sprachlich auf den Ausnahmezustand?


MG: Man konnte besonders ganz am Anfang der Pandemie sehen, wie entscheidend die Kommunikation als solche für uns Menschen als soziale Wesen ist. Kommunikation als Lebens-Mittel sozusagen, und sei es übers Internet. Im engeren Sinn sprachliche Auswirkungen wird man, wenn überhaupt, erst in den kommenden Jahren feststellen können. Dass im Zuge der Corona-Krise bestimmte Begriffe hochfrequent in die Alltagssprache eingegangen sind (z. B. Lockdown, Inzidenz, PCR-Test etc.) ist wenig verwunderlich und aus meiner Sicht auch nicht besonders interessant.


JDZ: Die (sozialen) Medien spielen beim sprachlichen Framing des öffentlichen Diskurses, beim Etablieren eines gesellschaftlichen Klimas und in der Bereitstellung von Informationen eine zentrale Rolle. Hierbei zeigt sich aber, dass gerade die heutige vernetzte „Informationsgesellschaft“ nicht unbedingt einen Vorteil in der Vertrauensbildung schafft, sondern eher zu einer weiteren Zersplitterung der sozialen Gruppen führt. Außerdem ist Information eben doch etwas anderes als Wissen. Sind wir als Gesellschaft übermedialisiert oder gehört auch das zum „Wissen“ dazu? Zeigt sich nun eben auch medial die tatsächliche Komplexität der Welt?


MG: Vielfalt führt bekanntermaßen eher zur Zunahme von Komplexität als zu deren Reduktion. Ich glaube aber, dass – trotz medialem Overkill durch das Internet – der Großteil der Menschen nicht mehr als eine Handvoll Medien bzw. eine überschaubare Zahl an medialen Kanälen (in denen freilich eine Vielzahl von Ressourcen aus zahlreichen anderen Medien mittels Framing gebündelt werden kann) regelmäßig konsumiert. Wir bewegen uns fast immer in bestimmten Bubbles. Man sollte auch nie die soziale Evolution unterschätzen: Für einen digital non-native mit Ende fünfzig wie mich bedeutet die heutige Medialität des Diskurses perzeptiv und rezeptiv wohl etwas anderes als für einen jungen Menschen. Wünschenswert wäre es, dass die – auch auf Basis von dubiosen „Faktenchecks“ – um sich greifenden Zensur- und Cancel-Mechanismen thematisiert oder Allmachts-Phantasien der Internet-Riesen eingehegt werden.


JDZ: Lieber Manfred Glauninger, vielen Dank für das Interview.



PD Mag. Dr. Manfred Glauninger forscht und lehrt am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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