Wie völkisch sind die Nicht-Völkischen? Weiterführende Überlegungen nach der Lektüre von Elfriede Jelineks „In einem ausgelobten Land“.
Jan David Zimmermann
Einleitendes
Mit dem Krieg in Israel brechen auch in Europa Dinge aus den Menschen, die die Frage nach der Notwendigkeit einer Neujustierung der europäischen Erinnerungskultur stellen. Diese Ausbrüche lassen erneut erkennen, dass es offenbar insuffizient war, wie wir diese Erinnerungskultur betrieben haben. Anti-israelische Stimmen würden dies bejahen, aber wohl aus ganz anderen Gründen als jene, die ich nun anführen möchte.
Diese Dinge, die aus den Menschen brechen, verweisen nämlich auf psychologische Projektionen, Schuldabwehr, Schuldumkehr und nicht zuletzt auf eine große Portion ES, also des Unbewussten. Dieses Unbewusste kann man kaum in die Logizität holen, weswegen die Debatte mit all jenen, die ES in dieser Frage (aber auch in anderen Fragen) ereilt, leider hoffnungslos ist.
Freilich, der islami(sti)sche Judenhass ist mehr als offenkundig und auch das antisemitische Ressentiment in der europäischen Durchschnittsbevölkerung, bisweilen schlummernd, aber jederzeit und leicht reaktivierbar, ist weit verbreitet, wenn auch verhaltener. Und freilich gibt es die wirklich Völkischen, die ja immer schon wussten, wie es um die Juden bestellt war.
Aber besonders interessant ist doch das psychologische Moment jener oftmals linken Kräfte, die sich jahrzehntelang für die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus an Jüdinnen und Juden eingesetzt haben und nun (oder doch seit Jahrzehnten schon) bei Israel empört sind, dass sich diese „neuen“ Juden nicht so verhalten, wie man es sich (als Altlinke/r?) vorstellt.
Die Imaginierten
Vielfach bricht dann aus den Menschen heraus: „Immer sind sie die Opfer!“
Dabei kann man schnell zur Frage kommen, wer dieses sie sein soll: Die Juden, die Israelis, die Zionisten, alle zusammen?
Dass tatsächliche Opfer von Anfeindung, Gewalt oder Willkür stets aufs Neue lächerlich gemacht werden, indem man ihnen attestiert, sie würden sich als Opfer stilisieren und einer Phantasmagorie anhängen, ist ja aus verschiedenen Kontexten bekannt und immer hat es mehr mit jenen zu tun, die diesen Vorwurf tätigen als mit den Betroffenen selbst. Das Interessante daran ist aber, dass diese Opfermentalität, die Juden gerne nachgesagt wird, jene Haltung ist, in der man sie eigentlich belassen möchte, die also oftmals von außen an sie herangetragen wird; auch in Form einer europäischen Erinnerungskultur, die sich am ehesten (oder am liebsten) noch mit toten Juden befasst.
Die Israelis von heute sind aber so gar nicht wie die emblematischen Stetl-Juden aus Osteuropa, die sich, gemäß der erinnerungspolitischen Folklore, bereitwillig auf die Schlachtbank führen ließen. Stattdessen: junge Frauen, die mehrere Jahre Militärdienst ableisten und in vielen Aspekten emanzipierter sind als die Feministinnen in Mitteleuropa; eine multiethnische Gesellschaft aus Aschkenasim, Mizrachim, Sephardim, arabischen Muslimen, Christen und Drusen. Menschen, die stolz auf ihre jüdische Identität und Tradition sind oder die sich eben nicht kampflos ergeben. Und ja, natürlich auch eine gespaltene Gesellschaft mit einer paradox anmutenden Sicherheitspolitik, großer militärischer Gewalt(bereitschaft), aber auch mit scharfer Kritik an der eigenen Regierung. Trotzdem passt all das der europäischen Selbstzerfleischung nicht, die nicht bloß „links“, sondern auch oft „rechts“ ist. Was für die einen die Dekadenz und Wehrlosigkeit des weichen, „verschwulten“ Westens ist, der sich nicht gegenüber Massenmigration zu wehren weiß, ist für die anderen die Arroganz der Kolonisatoren oder der Rassismus der Weißen. Dass die arabische Welt oder andere orientalistisch imaginierten Sehnsuchtsorte ebenso Sklaven-, also Menschenhandel betrieben, ihre Frauen knech(te)ten und Homosexuelle verfolg(t)en, wird ebenso gern ignoriert wie die Tatsache, dass auch bei uns Frauen- und Homosexuellenrechte lange erkämpft werden mussten und viel kürzer in der gegenwärtigen Form vorliegen, als man behauptet.
Gerade in diesem Zusammenhang ist Jelineks Schweigen zu den patriarchalen und ausbeuterischen Aspekten islamischer Staaten und Gesellschaften durchaus interessant.
(Linke) Empörung und Enttäuschung
Eine Argumentation, die einem von tendenziell linker Seite entgegenschlägt, ist oft auch jene: Man hätte ja eine Liebe zu Israel, aber nun (israelischer Gegenschlag xy) sei endlich der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr hinter Israel stehen könne. Und dann bricht zumeist das ES aus dem Unterholz.
Eine ebenso interessante Argumentation, die in den vergangenen Jahren auch beobachtet werden konnte, kann man in etwa so zusammenfassen: Man wäre doch nicht jahrelang auf die Befreiungsfeiern von Mauthausen gegangen oder hätte der Novemberpogrome gedacht, nur um nun zusehen zu müssen, wie an den Palästinensern ein Genozid verübt würde. Es hat etwas von: „So dankt ihr es uns?“
Darauf verweist auch das immer wieder aufgegriffene „Höre Israel“ als moralisierend von außen an das Land herangetragene Zeigefingerschwenken, das bekanntlich aus dem Deuteronomium (5. Buch Mose) stammt: Schma Jisrael, Adonai Elohejnu, Adonai Echad (Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR ist einzig/einer.) Diese mosaische Formel auf Juden und Israel bzw. gegen sie anzuwenden, ist dabei eine Anmaßung sondergleichen, passt aber zu den vielfach blühenden Versuchen, den Holocaust zu relativieren, indem man Israel einen unterstellt.
Daraus wurde bei Erich Fried im Angesicht des Sechs-Tage-Krieges (1967) das anklagende Gedicht „Höre Israel“, das den Weg ebnete, die argumentative Grundkarte für israelbezogenen Antisemitismus zu liefern:
„Als wir verfolgt wurden
War ich einer von euch
Wie kann ich das bleiben
Wenn ihr Verfolger werdet?“
Frieds Gedicht wurde seit dem 7.10.2023 auf den Digitalen Medien vielfach verbreitet und nicht selten mit verschiedenen Formen von Holocaustrelativierungen verziert.
Nun wäre es Unsinn, Fried dafür die Schuld zu geben, wie seine Zeilen im Nachgang missbraucht wurden. Aber es ist leider eben jener Kniff, dass man den (verfolgten) Juden Fried vorschickt, Juden und Israelis moralisch belehren zu können um damit gleich die Weste der potenziellen (deutschen/österreichischen) Nazi-Eltern/Großelterngeneration bis zur bleckenden Weiße zu säubern. Dies äußerst sich dann in Aussagen wie jener, die mir ein Bekannter einmal per Telegram schrieb: „Ein Freund von mir ist auch Jude und er sagt, die Juden hätten aus dem Holocaust nichts gelernt!“ Dieser Topos „Die Juden haben aus dem Holocaust nichts gelernt“, begegnet einem stets auf Neue und die Chuzpe daran sollte offensichtlich sein.
Frieds Formel „Höre Israel“ wurde aber regelmäßig in abgewandelter Form zur moralischen Belehrung Israels herangezogen, etwa durch Elfriede Jelinek in ihrem Text „Höre Israel!“ aus dem jahr 2025.
Darin schrieb sie von „philosemitische[r] Symbolpolitik“ und trieb die moralische Belehrung durch Nennung bzw. Pervertierung der mosaischen Formel auf die Spitze. Das hört sich dann so an:
Siedlerkolonialismus unter Mißachtung von Völkerrecht und Menschenrechten, ethnische Säuberung für ein gelobtes Land, das allen Juden gehört, ja, allen, aber sonst niemandem, egal, wer vorher dort gelebt hat. Die noch da sind, müssen alle weg. Die jetzt noch woanders sind, sollen kommen. Sie allein gehören dort hin, sonst niemand, höre, Israel! Du bist Alleinherr! Der Ewige, unser Gott, ist eins. Wir sind uns doch einig? Nur einer, nur unsrer soll es sein, und hier in diesem geschundenen Land soll er wohnen.
Nun gäbe es dazu (sehr) viel zu sagen und das ist genau der Punkt: fundierte Kritik an Israel, die ernst genommen werden will, kann so wie Jelineks Worte eben genau nicht klingen, weil sie dann die Tragik und Problematik der ganzen Konflikt-Geschichte mitberücksichtigen müsste, was sie aber nicht tut.
Israelis, die sich als Herrenmenschen gerieren, gibt es und Kriegsverbrechen dürfen nicht klein geredet werden. Doch wer die terroristische Infrastruktur unter dem Gaza-Streifen – vom Westen zu einem guten Teil mitfinanziert – genauso ignoriert wie den Islamofaschismus, der eine der größten Bedrohungen der offenen, liberalen Gesellschaft darstellt, hat entweder ein Glaubwürdigkeitsproblem oder ein intellektuelles; mitunter beides.
Ausgelobt
Nun wurde in einem neuen Text Jelineks Problem der Problemerfassung erneut unter Beweis gestellt. Mit „In einem ausgelobten Land“ (August 2026) legte sie erst recht einen Text vor, der zu unliterarisch ist, um als Literatur zu gelten und zu undifferenziert, um als Sachbeitrag zu gelten. Es geht dabei vordergründig um die Unmöglichkeit und Tragik der nicht einlösbaren Zwei-Staaten-Lösung, doch Jelinek erwähnt bloß die Gewalt der Siedler und der israelischen Streitkräfte; Hamas, Islamismus, dauernder Raketenbeschuss, der 7.10. werden mit keiner Silbe angesprochen. Der Neologismus des „ausgelobten Landes“ kann hier nicht nur als Kritik an einem Land fungieren, das angeblich wie eine Belohnung an die Auserwählten vergeben wird, sondern es kann auch pädagogisch gemeint sein: Es hat sich jetzt aber ausgelobt, das Kind „Israel“ hat sich zu schlimm verhalten. Nun soll es abgestraft werden. Das klingt dann etwa so und sinniert auch über die schmerzhaft verlorene Liebe zum Judenstaat:
Sobald aber Tatsachen geschaffen werden, die unumkehrbar sind —, und hier stocke ich schon wieder, denn jetzt könnte ich wirklich von Tatsachen sprechen, doch die ändern sich ständig, nur die Richtung ist vorgegeben, und wer die Richtung vorgeben kann, hat gewonnen. Wenn das also gesicherte Tatsachen sind, wieso kann ich das dann nicht sagen? Ist es meine Liebe zum Judenstaat, der auch etliche meiner Vorfahren aufgenommen hat? Der als ihre Rettung angesehen wurde, obwohl sie sich nicht mehr retten konnten oder durften?
Das Problem des Textes liegt dabei insbesondere - und das wiegt schwer - in der Sprache und den sprachlichen Bildern Jelineks, die eben nicht literarisch gebrochen und fragmentiert, sondern für wahr genommen werden. Den Essentialismus, den Jelinek ansonsten durch Kalauer, Ironie und andere literarische Stilmittel deutlich bricht, behält sie bei. Und sie bedient dabei Topoi, die antisemitischer nicht sein könnten, indem sie den Juden eine Fremdheit und Wurzellosigkeit attestiert, die der angeblichen Verwurzelung der Palästinenser gegenübersteht: sie „schleppen ihre Plazenta mit sich, die meist in andren Ländern liegt, ich höre einen harten US-Akzent heraus, mit dem Land sind sie nicht verwurzelt wie die Palästinenser seit Generationen.“ Völkischer formuliert geht es eigentlich kaum und das verweist auf die faszinierende Beschaffenheit meist linken Denkens, wonach Verwurzelung immer dann gut ist, wenn es um eine (vermeintliche) Minderheit geht, die unter die (eigene) Fittiche genommen, also geschützt werden muss. Tribalismus, Essentialismus, Jus sanguinis sind bei den (vermeintlich) Unterdrückten gut, ansonsten aber verdammenswert.
Wenngleich Jelinkek sich am Ende des Textes, möglicherweise, weil sie vor dem eigens gebrauchten Jargon erschreckt, dadurch zu retten versucht, dass sie plötzlich den NS-belasteten Philosophen Heidegger und seinen Text „Warum bleiben wir in der Provinz?“ assoziativ ins Spiel bringt und dabei Heideggers völkischen Habitus als Blut und Boden-Denker kritisiert, so rettet sie nicht die Sprache, die sie selbst verwendet. Der Trick, am Ende das alte Nazi-Thema aufzumachen, um sich selbst zu immunisieren, bleibt eben das: ein Trick. Zuvor nennt sie Israel dafür in postkolonialer bzw. antiimperialer Manier "Kolonisatoren", "Besatzer" und wie an obigem Zitat erkenntlich, sind die Siedler unverwurzelte, englischsprechende Gewaltmenschen; junge woke Linke und antiimperialistische Altlinke können sich in solchen Narrativen und Beschreibungen die Hand geben.
Jelineks Text unterliegt einer faszinierenden Tragik, die verdeutlicht, dass auch bei großen Schriftstellerinnen und Schriftstellern eine ernst und womöglich gut gemeinte Kritik an Israel die Sprache einmal mehr entgleisen lässt und ins irritierende Ressentiment, ins Klischee, ins Floskelhafte rutscht. Dessen scheint sie sich aber eben gar nicht bewusst zu sein, schließlich schreibt Jelinek in „Höre Israel!“, Zitat: „Ich versuche es, hier, es ist ja nur geschrieben, Geschriebenes tut niemandem weh“ - doch sie könnte nicht falscher liegen. Es schmerzt durchaus.
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