• jdzimmermann

"Play the Game of Carnival"*

Updated: Sep 29, 2021

Jan David Zimmermann


(Als PDF wurde dieser Essay auf https://www.academia.edu/45643449/_Play_the_Game_of_Carnival_Ein_Essay im April 2021 publiziert. Er wurde für den Blog leicht aktualisiert und gegliedert.)



Die Ameise


Es hat sich gezeigt, dass alle sozialen Ausdifferenzierungen, die wir in den letzten 50 bis 70 Jahren erlebt haben und die eine Zunahme an Ordnung, eine Zunahme an Toleranz, und höheren Werten, ja, vielleicht eine Zunahme an Zivilisiertheit und Achtsamkeit suggerieren sollen; dass all diese Errungenschaften und gesellschaftlichen „Fortschritte“ mit einem Mal auseinanderstieben, brüchig und fragil erscheinen.


Ganz so, als wäre jemand fest und plötzlich in einen Ameisenhaufen getreten und hätte den Ameisenstaat mit diesem Stampfen, mit diesem Getrampel zerstreut. Die aufgeschreckte Ameise rennt panisch umher, für sie ist plötzlich oben unten und unten oben. Chaos herrscht, Es wird wild herumgewurschtelt. Die Entropie, der Zerfall, das Abnehmen der Ordnung greift um sich. Dankbar scheint man dann denjenigen zu sein, die Kontrolle durchzusetzen versuchen und sei es auch in drakonischer Weise und Freiheitsrechte beraubend. Denn Angst beherrscht die Insekten, sie wuseln umher. Man sieht sich – als Ameise – durch das Reisig, durch die Bruchstücke der Behausung waten und blickt nun auf den Boden. Die tief vergraben geglaubten Toten sind in Wahrheit – frei nach Thomas Bernhard in seinem Roman „Frost“ – „nur von einer dünnen Tannennadelschicht bedeckt“. Und man hätte nie gedacht, wie schrecklich der Anblick dieser Toten ist. Wie sehr man erschrickt vor dem, was einen mumienhaft anstarrt. Denn diese Toten der Vergangenheit sind nicht nur Knochen und Staub, sondern sie sind wie Eisleichen – kaum verwest, kaum zersetzt. Sie starren einem die Spiegelung vergangener Schrecken entgegen, die kalten Augäpfel sind noch intakt, der gebrochene Blick eingefroren. Die Schrecken, die man in diesen kalten toten Augen wie in einer Kamera zu erkennen glaubt, sind jene, als sich die Welt krümmte, als sie sich bog, als sie schwankte und schließlich vornüberkippte. Recht wurde zu Unrecht, Gut zu Böse, Widerstand zum Querulantentum und Denunziation zur Tugend. Man glaubt sich als Ameise nunmehr in einer völlig verkehrten Welt und sieht, wie eine Komplizin der Entropie sich breit macht: Die Karnevalisierung.


Karnevalisierung und Perversion


Das Prinzip der Karnevalisierung – theoretisch besprochen von dem Kulturwissenschaftler Michail Bachtin – hat grundsätzlich etwas Positives; im Fasching, im Karneval wird und wurde der König zum Narren und der Narr zum König, der Hintern zum Gesicht, das Gesicht zum Hintern. Alle tanzen und feiern gleichermaßen nebeneinander, im Suff und Rausch sind alle gleich. Der König kann seine Macht abgeben und sich unter die Bevölkerung mischen, Hierarchien werden abgebaut, das Mächtige ins Lächerliche gezogen. Dieses Prinzip der verkehrten Welt kann jedoch, in andere Bereiche gebracht, zur Gefahr werden. Politik und Medien können durch die Aneignung dieses Prinzips Gegner ausschalten und diffamieren, das Schlechte als das Gute ausgeben, das Unzumutbare als das Notwendige und das Autoritäre als das Schützende. Dieses Vorgehen gleicht dann mitunter der Täter-Opfer-Umkehr, so wie man sie von Narzissten und Psychopathen kennt, um ihr Gegenüber, das Opfer ihrer Machenschaften, in den Wahnsinn zu treiben und zu manipulieren.


Die Karnevalisierung ist an sich ein egalitäres Prinzip, sie wird jedoch an dem Punkt gefährlich, an dem sie ihr eigentliches Wesen verliert: Den Abbau von Macht und Hierarchie. Wenn sie im Gegenteil für die Zunahme der Macht verwendet und entgegen ihrem Wesen eingesetzt wird, so kann sie zu einem ertragreichen und probaten Propaganda-Mittel werden, ja, die Propaganda funktioniert dann (nicht nur, aber oft auch) über eine pervertierte Form der Karnevalisierung. Und dies unabhängig von der jeweils ideologischen, politischen Ausrichtung.

Entscheidend ist dabei auch, dass die pervertierte, nunmehr politische Karnevalisierung als Prinzip für Medien und Politik sich nicht ausschließlich in der Staatsmacht zeigt, sondern sich weiter ausbreitet und in den Einzelnen eindringt. Die karnevalisierte, bzw. karnevalisierende Macht diffundiert in den einzelnen Menschen hinein und aus ihm wieder hinaus. Wie ein Nebel wabert die Macht durch die Gassen und dringt in alles ein, dampft dann wieder heraus und empor.

Jene die sich durch diesen Vorgang irre gemacht fühlen, die sich wehren, werden gebrandmarkt, bestraft, diffamiert, verunglimpft und ausgegrenzt, generell pathologisiert oder als gefährlich hingestellt. Hierin kommt den Medien die größte Bedeutung zu: Nicht umsonst sind Medienmacher teilweise die größten Kasperlfiguren und gleichzeitige Kasperltheater-Macher. Sie leben vom (institutionalisierten) Narrentum der verkehrten Welt, das sie selbst erzeugen und vorantreiben, nicht selten als Narren-Exekutive der Politik oder Befeuerer menschlicher Urängste.

In den Reihen der Ausgegrenzten oder der sich ausgegrenzt Fühlenden finden sich nun aber tatsächlich einige, die gefährlich sind, oder psychisch krank. Sie radikalisieren sich mitunter durch eine generell um sich greifende neue Art des Stammesdenkens in sozialen Medien. Dieser neue Tribalismus verstärkt sich durch das Digitale, durch die Medialisierung, genauer: Durch die Hypermedialisierung. Und die Radikalisierung mancher Ausgegrenzter wird als Grund verwendet, die nachvollziehbaren Aspekte der Wehrhaftigkeit, ja, des Widerstands, weiter zu delegitimieren und die Kette von Ursache und Wirkung in einem Akt der karnevalesken Umkehrung zu vertauschen.

Diese Delegitimation wird zuerst betrieben von der Politik und den Medien und nach erfolgreicher Diffusion schließlich von der Mehrheit der Gesellschaft. Auffällig ist, dass im Moment die eigentlichen Räume des Karnevals, die Nachtgastronomie, die Clubs und Konzerte, die Festivals und andere Räumlichkeiten rauschhafter Massenveranstaltungen geschlossen und stillgelegt sind. Vielleicht pervertiert das karnevaleske Prinzip insbesondere dann, wenn diese Räume verboten werden?

Die pervertierte Karnevalisierung und karnevaleske Umkehrung zeigen sich jedenfalls auch dadurch, dass Kritiker nicht argumentativ, sondern grundsätzlich und als Person delegitimiert werden, da ihnen zugeschrieben wird, sie seien einer „falschen“ Ideologie angehörig. Dieser Vorgang findet abermals wieder in allen politischen, sich feindlich gegenüberstehenden Lagern statt.


Die Umkehr der Sprache: Von den "Hilfswilligen" und den "Impfwilligen"


Gleichzeitig ist aufgrund der oben beschriebenen Diffusion und durch das Karneval-Prinzip der Umkehrung die ansonsten wachsame und kritische Gesellschaft nicht (mehr) in der Lage, das Schlechte im Guten zu bemerken oder Parallelen mit historischen Vorgängen und Entwicklungen zu erkennen, die ansonsten gegenwärtig bei anderen Themenbereichen überall und zum Teil leichtfertig hergestellt werden. Ein Beispiel für das Nicht-Erkennen von Fragwürdigem ist der um sich greifende Terminus „Impfwillige“ und „impfwillig“, der völlig unkritisch verwendet und kolportiert wird. Es ist von hier jedoch assoziativ nur ein Katzensprung zum NS-Begriff „Hilfswillige“, in Kurzform „HiWis“, der jene Menschen beschreibt, die sich im Zweiten Weltkrieg weitgehend durch Mithilfe in der Rüstungsindustrie, aber auch durch Mithilfe an genozidalen Machenschaften in den Dienst der Wehrmacht stellten, wenn auch (oder passenderweise in Analogie zu unseren jetzigen „Impfwilligen“) gezwungenermaßen. Auf diese semantische Nähe wird jedoch nicht eingegangen. Das Kürzel „HiWi“ für „Hilfswissenschaftler“ wird im Übrigen bis heute weitgehend unkritisch auf Universitäten und anderen akademischen Forschungseinrichtungen verwendet. Angesichts der Tatsache, dass insbesondere der Begriff „Nazi“ im deutschsprachigen Raum sehr leichtfertig und salopp gebraucht wird, fallen solche Asymmetrien in der Beurteilung von Empörenswertem doch auf.


Tribalisierung


Im Fall der „Impfwilligen“ schweigt die Menge der oftmals Empörten, die ansonsten stets zur Stelle ist, und – zwar teilweise völlig zu Recht – fragwürdige Begriffe wie „Volk“, „Heimat“ oder rassistische Bezeichnungen und Begriffe kritisierte, nunmehr aber ebenso in tribalisierter Form gegnerische Stämme (d.h. andere Meinungen) unterbinden möchte. Dies ebenfalls wieder mit Mitteln der Delegitimation des Anderen, der Anderen. Es gibt dann eben nur den eigenen Stamm und alle anderen werden abgelehnt und verteufelt, indem sie als moralisch verkommen dargestellt werden. Daran sieht man grundsätzlich, dass die um sich greifende Identitätspolitik (welcher Couleur auch immer) im entscheidenden Moment leicht zum Rohrkrepierer werden kann, weil sie sich in einer pluralistischen Gesellschaft durch das Stammesdenken selbst lähmt, Kritik und Kritikfähigkeit nur außerhalb der eigenen Stammesgrenzen zulässt und Empathie für sowie Handlungsspielraum in andere(n) Erfahrungs- und Lebenswelten zu Fremdwörtern werden. Diese Identitätspolitik arbeitet aber der politischen Karnevalisierung perfekt zu und irgendwann lassen sich die Gewänder und Verkleidungen nicht mehr abnehmen; die Masken werden mit unserem Gesicht verwachsen sein, die Narrenkappen auf unseren Köpfen als Zeichen einer verdrehten Welt lassen sich nicht mehr entfernen. Dies soll an dieser Stelle kein Vorwurf der Dummheit sein, sondern viel eher ein Vorwurf, dass sich im schlimmsten Fall durch die karnevaleske Umkehrung zwei extreme Lager bilden, wobei in beiden die Umkehrung wirkt und waltet: Das Lager der ausgegrenzten Personen fällt einem Gaslighting im psychologischen Sinne zum Opfer, sie werden wahnsinnig (gemacht) und/oder gefährlich. Sie zertrampeln trotzig die Narrenkappe und schlagen um sich. Das andere Lager wird – auch im psychologischen Sinne – einer durch die karnevaleske Umkehrung vonstattengehenden Gehirnwäsche unterzogen. Diese Menschen tragen die Kappe schließlich nicht nur freiwillig, sondern gar mit Stolz und zeigen regelmäßig, was für brave Bürger sie sind. Im letzten Jahr kam ein gern gesehener Akteur ins Spiel, der bei all den zuvor beschriebenen Vorgängen immer wieder mithalf und nun auch wieder mithilft. Zum Teil instrumentalisiert, zum Teil sich aber auch selbst instrumentalisierend: Die Rede ist von der institutionalisierten Wissenschaft.


Wissenschaft als Religion und Herrschaftsmittel


Die Wissenschaft als echte oder vermeintliche Instanz der Vernunft hilft gegen die Entropie, sie hilft gegen die toten Blicke der Eisleichen. Die Wissenschaft erklärt sich in den Medien und hilft im gegenwärtigen Fall, die pandemische Lage zu erklären. Die Wissenschaft hilft, die „Wahnsinnigen“ und „Irren“ zu erklären, die Verschwörungstheoretiker und Gefährder. Der Vorteil für Wissenschaft und Politik heute im Gegensatz zu vergangenen Epochen: Wissenschaft und vor allem Wissenschaftlichkeit (was auch immer darunter zu verstehen ist) haben den Status einer Religion angenommen, auf die sich die Mächtigen beziehen können. Operieren wir mit Wissenschaftlichkeit, so kann angeblich nichts schief gehen. Und nur die Wissenschaft und die Technik können uns retten, nichts sonst. Wissenschaftliche Experten werden zu allen möglichen Themen befragt, jeder, der sich abseits seines Themas äußert, gilt anschließend als unseriöser Wissenschaftler. In einer hochkomplexen Welt und Gesellschaft, wo alles miteinander verbunden ist, nützt es aber nicht, nur auf einen Bereich zu starren oder die Welt in Einzelteile zu zerlegen. Das Bild, das die Wissenschaft von der Gesellschaft, vom Menschen, von seiner Umgebung usw. zeichnet...es ist jedoch ein fragmentiertes. So wie der medizinische Kniespezialist nur aufs Knie blickt und der Kardiologe nur aufs Herz, so geben wir unser komplexes wirtschaftliches und soziales Leben in die Hände von Spezialisten und Fachidioten, die ständig eine Unmenge an Wissen anhäufen, unentwegt. Fachidioten für einen engen und kleinen Untersuchungsbereich, deren Spezialisierung in vielerlei Hinsicht sicher legitim und wichtig, nachvollziehbar und mitunter erstrebenswert ist. Man muss jedoch skeptisch sein, wenn uns von politischer Seite nahegelegt wird, dass rede- und entscheidungsberechtigt ausschließlich (von der Politik abhängige) Experten sind und wenn wir uns in die Richtung einer technik- und medizinbasierten politischen Expertokratie bewegen, ebenfalls wieder von Zersplitterung und Tribalisierung geprägt. Denn was vor uns passiert scheint folgendermaßen abzulaufen: Wir starren auf einen japsenden Kopf mit verdrehten Augen, aber der darunterliegende ausblutende Körper ist für uns von einer Trennwand verdeckt, wir wissen nicht, warum der Kopf japst, was ihm fehlt und wie der Körper und der Kopf verbunden sind. Unser Blick ist ein fragmentierter und spezialisierter. Die Spezialisierung der Wissenschaft passt perfekt zur Tribalisierung in der Gesellschaft, zu dieser Zersplitterung. Und die Medien beziehen sich auf das heilige wissenschaftliche Experten-Wissen, verkürzen es, mischen es neu, produzieren im selben Atemzug jedoch eine Menge an Nicht-Wissen oder Halb-Wissen, mit dem auch die Politik in einem Akt der Rückkopplung operiert. Durch die Hypermedialisierung findet keine wirkliche Aufklärung statt, sondern die Menschen sind durch die schiere Menge an Informationen und Meldungen überfordert, erschöpft und desillusioniert. Irgendwann geben sie auf und lassen sich auf den Karneval ein, manche früher, manche später, ziehen sich in eine naive Staatsgläubigkeit und Staatshörigkeit, in ihre Echokammern oder in ihr Neo-Biedermeier zurück. Einige drehen durch; manche laut, manche leise. Die Wissenschaft, die als Akteurin und Stichwortgeberin auftritt, verwendet, ja, missbraucht wird; dahinter steckt etwas, was die Wissenschaft seit Jahrhunderten macht. Sie ist nicht weniger als ein Mittel zur politischen und expansiven Legitimation und Delegitimation und in ihrer modernen Form von jeher mit der Politik verbunden. Sie unterstützte Herrschaft durch ihre Forschung, sei es bei Forschungsreisen in die Polregionen, sei es im kolonialen Kontext, sei es durch Aufsätze und Reden, sei es durch Sprachaufnahmen in besetzten Gebieten oder durch die anthropologische Vermessung von Gefangenen. Auch heute unterstützt sie Herrschaft und Politik und wenngleich diese Zusammenhänge gegenwärtig in anderer Form vorliegen, so hat sich nichts daran geändert, dass Wissenschaft und Politik eng miteinander verbunden sind, ja, sich in vielen Fällen noch Industrie und Konzerne als Akteure hinzugesellen. Die Wissenschaft ist in Wahrheit viel unfreier als man glauben möchte, sie ist sich der Involvierung nicht immer bewusst oder versteckt sich hinter einer potemkinschen freien Lehre, einer intellektuellen Hermetik, hinter einer fachlichen Spezialisierung und oftmals zweifelhaften Objektivität. Aber der enge Griff des Staates und die Peitsche der Industrie feuern sie weiter an und das schon jahrhundertelang. Und viele Wissenschaftler stellen sich daher durch diese Abhängigkeit und Involvierung zum geeigneten Zeitpunkt in den Dienst der karnevalesken Umkehrung. Auch dies kann man in den Augen der Eisleichen ablesen. Auch früher war dies schon so. Am Ende all dieser gesellschaftlichen Entwicklungen steht, dass die Mehrheit der Gesellschaft an die Umkehrung und Karnevalisierung derart gewöhnt sein wird, dass nach der Krise nicht das große Umdenken und Reflektieren stattfindet. Stattdessen wird die Propaganda des politischen Faschings derart gefruchtet haben, dass sich niemand einer Schuld bewusst sein wird, der in die Fallstricke propagandistischer Gehirnwäsche gelangt ist. Am Ende hat sicher, trotz der vielen Berichte und trotz der Meeresflut an Information, niemand irgendetwas gewusst.



* „And the small can throw the ball, play the game of carnival“- Jackson C. Frank: „My Name is Carnival“, 1965, https://www.youtube.com/watch?v=n2-Ez98tbYo .

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